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Der russische Sisyphus (DIE ZEIT/ 02.2008)
DIE ZEIT 02.2008
Von Carmen Eller
Russland verdrängt
Stalins Terror und die Schrecken des Gulag. In einem kleinen Moskauer Museum
bleibt die Erinnerung lebendig. Jetzt droht dem Sacharow-Zentrum das Aus.
Manche Ausstellungen eröffnet er mit
Angst. Etwa die Bilder des Briten John Keane zur Geiseltragödie im Musical
Nord-Ost, Texte zu
politischen Gefangenen der Gegenwart oder einen Plakatwettbewerb über „Das
Ende der Epoche Putin“. Doch meist wagt es Juri Samodurow trotzdem. Der
gelernte Geologe leitet das Moskauer Sacharow-Zentrum. Groß gewachsen,
Halbglatze, markante Brille. Selten wird er laut, stets klingt seine Stimme
etwas heiser, und wenn es nichts zu lachen gibt, versucht er es mit
Galgenhumor. In diesen Tagen braucht er ihn. Dem Moskauer Museum und
gesellschaftlichen Bildungszentrum, das an den Kernphysiker und
Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow erinnert, droht die
Schließung. Das Geld ist aus.
In dem kleinen Gebäude unweit des
Kursker Bahnhofs diskutieren Intellektuelle an Runden Tischen über
Fremdenfeindlichkeit oder den Aufbau der russischen Zivilgesellschaft. Es gibt
Konferenzen, Seminare und eine Bibliothek mit Bänden zur sowjetischen
Geschichte, aber auch über den Krieg in Tschetschenien. „Wir beschäftigen
uns nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart und
Zukunft“, sagt Samodurow. Seit der Gründung 1996 wird das nicht-staatliche
Museum überwiegend aus dem Ausland finanziert - von Organisationen und
Stiftungen, allen voran vom US-amerikanischen Sacharow-Fonds. Doch nun
versiegen die Quellen. „Die westlichen Zuschussgeber wenden sich von Russland
ab“, sagt Samodurow nachdenklich. „Sie finden, dass Unterhaltskosten und
Gehälter aus russischen Mitteln bezahlt werden sollen.“ Doch das gestaltet
sich schwierig.
Denn in der russischen Gegenwart steht die
Vergangenheit nicht hoch im Kurs. „Die jungen Leute wissen heute sehr wenig
über Geschichte und die Figur Sacharow. Das merke ich, wenn ich Studenten
Fragen stelle“, sagt Tamara Jakowlewa, eine energische Dame mit kurzen Haaren,
die manchmal ganze Schulklassen durch das Museum führt. Vorbei an Vitrinen
mit Dissidentenliteratur, vergilbten Briefen und verbotenen
Radioempfängern. „Der Staat möchte nicht, dass wir uns mit den
dunklen Seiten der Vergangenheit beschäftigen. Russland soll als gutes und
siegreiches Land gelten.“
Der Dissident Sacharow, der die erste
Wasserstoffbombe mit entwickelte, aber auch für Abrüstung und
Menschenrechte kämpfte, spielt im neuen Russland keine Rolle. Vergeblich
hat Samodurow versucht, russische Geldhähne anzuzapfen. Keine Firma wollte
helfen, kein Geschäftsmann signalisierte Interesse. „Es ist so schwer,
weil wir ein politisches Museum sind“, sagt der 56-Jährige. Ein
Transparent auf der Fassade dient als stummer Protest gegen die Gewalt in
Tschetschenien. „'Der Krieg ist zu Ende.' Was nun?“ steht in schwarzen Lettern
auf weißem Tuch. „Leute, die unserem Museum Geld geben, müssen
Unannehmlichkeiten befürchten.“ Zu den Förderern gehörte etwa
der in Sibirien inhaftierte Michael Chodorkowski.
„Es gibt ein Putin-Russland und ein
Sacharow-Russland“, sagt Samodurow nüchtern. „In Putins Russland wird
Demokratie nur imitiert. Sacharows Russland aber steht für ein
unabhängiges Parlament, politische Konkurrenz und freie Medien.“
Die Misere des Museums sei ein „guter
Gradmesser“ für die Schwierigkeiten Russlands, die eigene Vergangenheit
kritisch zu betrachten. „Stalin wird heute überwiegend als erfolgreicher
Manager betrachtet“, meint Samodurow. Das zeigen Fernsehproduktionen, aber auch
neue Schulbücher, die sowjetische Geschichte beschönigen und Putins
Politik positiv bewerten.
Auf dem Schreibtisch seines kleinen
Büros liegt der Brief einer jungen Deutschen, die für die
Museumskasse gespendet hat. Gerührt dreht Samodurow an seiner Brille und
zeigt eine Karte, auf der die Senderin mit Mann und Baby in die Kamera lacht.
„Sie hat bei uns einen Vortrag darüber gehalten, wie Nationalsozialismus
an deutschen Schulen vermittelt wird.“ Selbst eine kranke russische Rentnerin
zweigt 1000 Rubel ab, als sie von der finanziellen Krise erfährt. Rund
6000 Dollar sind bisher durch Freunde des Museums zusammengekommen. Die
monatlichen Auslagen sind fünfmal so hoch.
Man könnte Samodurow einen russischen
Sisyphus nennen. Obgleich Gegner ihm immer wieder zusetzen – aufgeben will er
nicht. 2003 verwüsten orthodoxe Nationalisten die Ausstellung Achtung Religion!, aber am Ende stehen
nicht die Krawallmacher, sondern die Kuratoren vor Gericht. Die
Staatsanwaltschaft fordert Gefängnis für Samodurow, letztlich bleibt es
bei einer Geldstrafe. Nun läuft wieder ein Ermittlungsverfahren - weil der
Direktor im vergangen Jahr „Verbotene Kunst“ ausgestellt hat. Werke, die der
inneren Zensur russischer Museen zum Opfer gefallen waren. Wer auf Leitern
stieg, konnte die Bilder durch winzige Gucklöcher betrachten. Eine
originelle Idee, aber auch eine Vorsichtsmaßnahme.
Noch Anfang Dezember schien es, als ob das
Sacharow-Zentrum gerade mal drei Monate des neuen Jahres überleben
würde. Nun gibt es einen Hoffnungsschimmer – aus Europa. Weil das
Europäische Parlament jedes Jahr den „Sacharow-Preis für geistige
Freiheit“ verleiht, könnte dem Museum zeitweise eine neue Aufgabe
zukommen: Auszeichnung und Preisträger in Russland bekannter zu machen.
Noch ist die auf wenige Monate befristete Förderung nicht garantiert, aber
Samodurow weiß: „Das ist nur eine erste Hilfe für den Patienten, das
Überleben ist noch nicht gesichert.“
Ein Geschenk von Rainer Hildebrandt, dem
Gründer des Hauses am Checkpoint Charlie, macht dem Direktor Mut: Bis heute
steht ein Stück Berliner Mauer vor seinem Moskauer Museum. Auch ein
Sacharow-Porträt an der Hauswand erinnert an die russisch-deutsche
Geschichte. Es ist die exakte Kopie einer Malerei auf der Berliner Mauer.
Darunter steht auf Russisch nur ein Wort: Danke.
ZEIT online
02/2008
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